
Dr. Adriana Lettrari, geschäftsführende Vorständin der EAS MV, im Gespräch mit Dr. Rosemarie Wilcken und Prof. Dr. Wolfgang Methling, ehemalige Vorsitzende und ehema-liger stellvertretender Vorsitzender des Kuratoriums der EAS MV.
Sie haben das Kuratorium der Ehrenamtsstiftung MV von 2015 bis 2023 geleitet. Wie haben Sie die Entwicklung des Kuratoriums erlebt?
Dr. Rosemarie Wilcken:
Der Start der Ehrenamtsstiftung MV in ihre Aufgaben und somit auch des Kuratoriums war nicht ganz einfach. Negative Bewertungen zur Gründung der Ehrenamtsstiftung aus dem Landtag und kritische Presseberichte überschatteten den Beginn ihrer so wichtigen Funktion. Das Kuratorium, ein sehr großes Gremium, zusammengewürfelt aus Vertretern unterschiedlichster Ehrenämter, in ein bis zwei Sitzungen pro Jahr zu verwertbaren Ergebnissen zu führen, war eine Herausforderung, gelang aber mit gegenseitigem Respekt und durch Vertrauensbildung. Die Kuratoriumsmitglieder waren mit großen Erwartungen und unterschiedlichsten Interessen ihrer entsendenden Institutionen ausgestattet, in das Gremium gekommen. Lebendige bis lebhafteste Sitzungen waren vorprogrammiert. Dem zu begegnen waren Frau Kohl, Herr Prof. Methling, Herr Holze und die Vorsitzende in den Anfangsjahren akribisch auf die Treffen des Kuratoriums vorbereitet. Sehr bald setzte sich Professionalität der Mitglieder des Kuratoriums, des Vorstandes der Ehrenamtsstiftung und seiner Mitarbeiter durch und die gemeinsame Arbeit wurde eine Erfolgsgeschichte. So blieb auch die Anerkennung im Landtag und unter den Ehrenamtlern nicht aus.
Prof. Dr. Wolfgang Methling:
Die Übertragung der Leitung des Kuratoriums der Ehrenamtsstiftung Mecklenburg-Vorpommern an Frau Dr. Wilcken und mich war eine große Ehre und eine Herausforderung, der wir uns beide gemeinsam gern gestellt haben. Zunächst gab es die Aufgabe der Identifikation mit diesem Projekt der Landesregierung, zu dem es anfänglich sowohl in der Politik als auch auf der Vereinsebene Vorbehalte und Fragen zur Sinnfälligkeit gab. Auch ich stellte die Frage, ob es nicht sinnvoller sei, die finanziellen Mittel zur Förderung des Ehrenamtes direkt den Vereinen und anderen ehrenamtlich engagierten zur Verfügung zu stellen. Die ursprüngliche Idee, auch und vor allem noch nicht in Vereinen tätige Ehrenamtler zu fördern, konnte aus finanztechnischen und haushaltsrechtlichen Gründen nicht verwirklicht werden. Wir waren uns aber einig, dass die Förderung des Ehrenamtes außerordentlich wichtig für das gesellschaftliche Leben ist und das Ehrenamt Unterstützung durch hauptamtliche Kräfte außerhalb der Verwaltungen braucht. Natürlich war auch die Zusammensetzung des Kuratoriums Gegenstand der Diskussion und Selbstfindung. Unter der Leitung von Frau Hannelore Kohl und der Geschäftsführung von Jan Holze konstituierte sich ein arbeitsfähiger Stamm von fachkompetenten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Stiftung. Die Stiftung wurde schnell zu einem gefragten Ratgeber und Förderinstitut für ehrenamtlich Engagierte in vielen gesellschaftlichen Bereichen. Die Berichte der Stiftung an das Kuratorium waren detailliert und aussagekräftig. Eine tiefgründige Beratung und Kontrolle der Arbeit der Stiftung war in den wenigen, meistens halbjährlich stattfindenden, Sitzungen des Kuratoriums kaum möglich. Aber wir konnten immer wieder feststellen, dass die relativ unkomplizierte Beratung und Vergabe der Fördermittel für Projekte der Vereine positiv bewertet und gewürdigt wurde. Daraus ergab sich auch der Wunsch nach Aufstockung der Anzahl der Beschäftigten und Finanzmittel. Diese Forderung hat das Kuratorium nachdrücklich unterstützt. Die Corona-Pandemie stellte sowohl die Arbeit der Stiftung als auch des Kuratoriums vor einige Probleme. Ein positiver Effekt war, dass dadurch die digitale Kommunikation notwendig wurde und schrittweise eingeführt wurde. Inzwischen wissen wir dieses Instrument von Online- Beratungen rationell einzusetzen. Die Übernahme der Geschäftsführung durch Frau Dr. Lettrari war mit einigen neuen Ideen und zunächst gewöhnungsbedürftigen Arbeitsmethoden verbunden, hat aber die Arbeit der Stiftung noch effektiver gemacht.

Welche Erfolge der Stiftung machen Sie besonders stolz, und was war aus Ihrer Sicht der Schlüssel zum Erfolg?
Dr. Rosemarie Wilcken:
In kürzester Zeit hat sich die Ehrenamtsstiftung MV in allen Landesteilen und allen Strukturen des Ehrenamtes bekannt gemacht. Stolz bin ich darauf, dass es dem Vorstand mit den Mitarbeitern und dem Kuratorium sehr schnell gelungen ist, alle Vorurteile über die Ehrenamtsstiftung zu entkräften. Die unbürokratische Antragsstellung der ersten Jahre brachte vielen Vereinen und Projekten Planungssicherheit und ermöglichte erfolgreiche Umsetzungen von Ideen zu Projekten. Mit der Ehrenamtsstiftung erhöhte sich die Aufmerksamkeit für das Ehrenamt im Land und steigerte die Wertschätzung für ehrenamtliche Arbeit. Die Ehrenamtskarte MV ist ein sichtbares Zeichen hierfür.
Prof. Dr. Wolfgang Methling:
Die wichtigsten Erfolge der Stiftung sind aus meiner Sicht die große Anerkennung der Arbeit der Stiftung durch die Ehrenamtler und die ständig steigende Anzahl von Förderanträgen. Sowohl die rechtliche Beratung und Vermittlung von Partnern als auch die relativ unkomplizierte Antragstellung, die Beratung bei der Durchführung der Projekte und Berichterstattung über die Projekte waren Grundlagen des Erfolgs. Dazu trugen auch die landesweiten und regionalen Ehrenamtsveranstaltungen bei. Eine hervorragende Idee war die Einführung der Ehrenamtskarte, die jetzt endlich in voller Verantwortung bei der Ehrenamtsstiftung liegt. Letztlich ist auch die Gründung der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt in Neustrelitz unter der Leitung von Jan Holze auf die erfolgreiche Arbeit der EAS MV zurückzuführen.
Das Thema Ehrenamt ist ein zentrales Anliegen der Stiftung. Welche Veränderungen haben Sie in den letzten Jahren im Ehrenamtsbereich in MV beobachtet und wie sollte sich die Stiftung darauf einstellen?
Dr. Rosemarie Wilcken:
Durch und infolge der Coronapandemie sind viele Vereinsvorstände wegen der Situation und von Alters wegen „müde“ geworden. Die Ehrenamtsstiftung sollte immer wieder in die Fläche zu den Vereinen gehen, um den Alten Mut zu machen oder Hilfestellung anzubieten und Zuversicht zu verbreiten. Der notwendige Generations-wechsel sollte begleitet werden. Die Jüngeren und die jungen Alten möge man für Vorstandsarbeit begeistern und sie bei der Übernahme von Verantwortung für die Vereine unterstützen.
Prof. Dr. Wolfgang Methling:
Ich denke, und das ist auch meine persönliche Erfahrung in vielen Ehrenämtern, dass die größte Herausforderung darin liegt, Kontinuität in der Arbeit der Vereine zu sichern, wenn die Vereinsgründergeneration aus Altersgründen die Verantwortung in jüngere Hände legen will und muss. Viele Menschen sind bereit, sich ehrenamtlich einzubringen, aber nicht den Vorsitz zu übernehmen. Allerdings kann die EAS MV dabei nur wenig helfen.
Wie hat das Ehrenamt Ihre Leben persönlich bereichert?
Dr. Rosemarie Wilcken:
Die Gemeinwohlorientierung und ein aktives bürgerschaftliches Engagement entspricht meinem Ideal von einer funktionierenden und lebendigen Bürgergesellschaft. Es hat mir immer viel Freude gemacht, an Projekten mitzuarbeiten oder sie zu gestalten. Viele Jahre lang war ich in kirchlichen Kreisen aktiv, später in den unterschiedlichsten politischen und sozialen Bereichen, heute überwiegend im Denkmalschutz. Ein Höhepunkt meines Lebens war die Zeit als Vorsitzende der Stiftung Deutsches Hilfswerk und Vorstandsvorsitzende der Fernsehlotterie. In der Ehrenamtsstiftung habe ich sehr gern mit Prof. Dr. Methling zusammengearbeitet. Mein besonderer Dank gilt Frau Ministerin Drese und Frau Gabriel aus der Geschäftsstelle der Ehrenamtsstiftung MV.
Prof. Dr. Wolfgang Methling:
Ich war und bin in zahlreichen Vereinen ehrenamtlich tätig, u.a. in der Kulturstiftung Rostock e.V., im Heimatverband Mecklenburg-Vorpommern, im Forst- und Köhlerhof Rostock-Wiethagen e.V., in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten e.V., in der Thünengesellschaft Tellow e.V., der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin e.V. und anderen. Diese verschiedenen Handlungsfelder in Kultur, Wissenschaft und Gesellschaft sind manchmal zeitaufwendig, bereichern aber das eigene Leben in der Familie und in der Gemeinschaft mit Gleichgesinnten. Sie bringen oft mehr Erfüllung, Zufriedenheit und Dankbarkeit als Hauptämter.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Ehrenamtsstiftung MV?
Dr. Rosemarie Wilcken:
In einer alternden Gesellschaft sollte der Gemeinsinn mehr Wertschätzung erfahren, auch damit sich Menschen lebenslang für andere engagieren. Ein Hauptaugenmerk der Ehrenamtsstiftung möge auf der so wichtigen Arbeit von ehrenamtlichen Helfern, Betreuern und Trainern in der Freizeitgestaltung der Kinder und Jugendlichen liegen.
Prof. Dr. Wolfgang Methling:
Ich hoffe, dass die Ehrenamtsstiftung Mecklenburg-Vorpommern weiterhin eine so große Unterstützung durch die Landespolitik erfährt und für ehrenamtlich engagierte Menschen leisten kann. Angesichts der wegen steigender Ausgaben für Rüstung und Verteidigung zu befürchtenden finanziellen Einschnitte und Abbrüche in sozialen, kulturellen, sportlichen und anderen Bereichen ist die Tätigkeit der EAS für die Bereicherung des gesellschaftlichen Lebens in Vereinen und durch Vereine außerordentlich wichtig.