
Dr. Adriana Lettrari, geschäftsführende Vorständin der EAS MV, im Gespräch mit Erwin Sellering, ehemaliger Ministerpräsident des Landes Mecklenburg-Vorpommern und Stiftungsratsvorsitzender der Ehrenamtsstiftung MV von 2015-2017
Was hat Sie 2015 veranlasst, in Ihrer damaligen Rolle/Verantwortung als Ministerpräsident für Mecklenburg-Vorpommern im Jahr 2015 die Ehrenamtsstiftung MV ins Leben zu rufen?
Stiftung als Instrument der Politik – vor allem im Spannungsfeld zu bürgerschaftlichem Engagement – hat mich lange beschäftigt. Beide Bereiche – gute Regierung auf der einen, verantwortungsvolle Zivilgesellschaft auf der anderen Seite – überschneiden sich in einem wichtigen Punkt: Beizutragen, zu unterstützen, hinzuwirken auf Gemeinschaft und Zusammenhalt in unserer Gesellschaft. Für mich war eine Stiftung das passende Instrument, um als Landesregierung bestimmte politische Ziele bei der Förderung und Unterstützung bürgerschaftlichen Engagements zu erreichen. Der Staat kann so seine hohe Wertschätzung dieses Engagements durch eigenen Einsatz, durch positive Partnerschaft zum Ausdruck bringen.
Wie haben Sie die Reaktionen der Menschen auf die Gründung und ersten Projekte der Ehrenamtsstiftung MV erlebt?
Zum Glück ist es durch den raschen erfolgreichen Aufbau der Stiftung gelungen, sehr rasch die bei einigen in Politik, Medien und Ehrenamt vorhandene und auch geäußerte Skepsis und die Zweifel am Sinn einer solchen Stiftung zu widerlegen. Schnell überwog die allgemeine Anerkennung für deren Leistungen, die von einem professionellen, hoch kompetenten Team mit allen erforderlichen Kompetenzen und Fähigkeiten zur Verfügung gestellt wurden. Dass es diesem Team unter der Leitung von Vorstand und Geschäftsführung gelang, alle nach der Satzung übertragenen Aufgabenfelder zeitnah und parallel auf- und auszubauen, hat allseits große Anerkennung gefunden und sicherlich zum Erfolg beigetragen. Diese Angebote wurden zunehmend stärker genutzt – auch das war Ausdruck der Anerkennung. So sah ich mich schon bald in einem dann später (2017) von mir auch formulierten Zwischenfazit im Einklang mit ganz vielen Engagierten, dass „der Aufbau in einer Weise gelungen ist, die meine kühnsten Erwartungen übertroffen hat“.
Wie hat sich die Wahrnehmung des Ehrenamtsstiftung MV in Mecklenburg-Vorpommern und darüber hinaus verändert?
Inzwischen ist die Ehrenamtsstiftung MV breit in unserer Gesellschaft verankert – sie ist positiv bewertet und nicht mehr wegzudenken. Vor allem die Bedenken, dass mit der Schaffung einer solchen Einrichtung am Ende doch staatliche Ziele verfolgt würden, auf eine Instrumentalisierung der Ehrenamtlichen abgezielt werden sollte und man in das Gewachsene hineinregieren wolle, sind – soweit ich sehen kann – verstummt. Es wird signalisiert, dass sich die Ehrenamtlichen mit dem, wie die Stiftung arbeitet, in ihren Forderungen und Bedürfnissen wiedererkennen. Und es wird anerkannt, dass die Sorgen und Bedenken insbesondere aus dem Bereich der sozusagen „traditionellen Ehrenamtlichen“ in den großen und mächtigen Organisationen gegenstandslos waren, die über die Stiftung erfolgende Förderung der kleinen, nicht professionell organisierten Initiativen und Gruppen würden zu ihren Lasten. Auch außerhalb des Bundeslandes hat sich die Ehrenamtsstiftung MV weithin Anerkennung erworben, wie Kooperationen auf vielen Gebieten deutlich machen.
Worin sehen Sie die besondere Bedeutung des Ehrenamts in MV für ein vitales, weltoffenes Bundesland?
Wie Umfragen zu ihrer Motivation zeigen, übernehmen über 90% der Engagierten Verantwortung in der Zivilgesellschaft aus Freude am Kontakt mit anderen Menschen, aus Freude am Helfen, sie engagieren sich, um Spaß zu haben. Die Politik muss alles tun, diese positive Einstellung, diese Freude, diesen Spaß zu erhalten. Denn die Wirkung von bürgerschaftlichem Engagement geht selbstverständlich über die einzelnen konkreten Leistungen, über die einzelnen konkreten Angebote weit hinaus. Bürgerschaftlich Engagierte machen etwas, das den sonst oft gültigen Maßstäben unserer Gesellschaft zuwiderläuft. Sie fragen nicht: was kriegen wir dafür, wer bezahlt mir das? Sondern sie packen einfach an und sind für andere da – das verändert das Klima in unserer Gesellschaft auf sehr positive Weise. Es schafft mitmenschliches Miteinander, Freundlichkeit, Wärme.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Ehrenamtsstiftung MV?
Die Ehrenamtsstiftung MV sollte – so als Anspruch und Erwartung formuliert nach den damaligen Werkstatt-Gesprächen – „all das unterstützen und stärken, was sich aus dem Engagement und der Begeisterung der Ehrenamtlichen entwickelt hat, und mehr von dem ermöglichen, was gewachsen ist und sich bewährt hat“ – kurz gesagt „Dienstleister des Ehrenamtes sein“. Dieses Ziel hat sie im ersten Jahrzehnt ihres Bestehens in ganz hervorragender Weise erreicht.
Ich wünsche mir, dass alle, die derzeit und in Zukunft für die Stiftung Verantwortung tragen und in ihr mitarbeiten, sich weiterhin diesem Ziel verpflichtet sehen, sie alle ihre Beiträge dazu leisten und ihnen dabei die vielfältigen Ideen nicht ausgehen, wie den Bedürfnissen der Engagierten weiterhin bestmöglich Rechnung getragen werden kann.
Und ich wünsche mir, dass unsere Ehrenamtsstiftung Mecklenburg-Vorpommern, die im Zeitpunkt ihrer Errichtung in vielerlei Hinsicht ein Unikat war, noch viele Nachahmer findet – sie hat es verdient!